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  • Akkela Dienstbier

Rotes Garn


Interessanterweise zieht es mich in der kalten Jahreszeit in meinen Gestaltungen zu den alten weiblichen Techniken des Stickens. Im Sommer reizt mich das Stickgarn oder das feinere Nähgarn gar nicht. Es ist, als ob mit der einziehenden Dunkelheit und dem Rückzug ins mehr Private, ich mich darauf besinne, meine Pflanzenmotive mit Wolle und Garn zu verbinden. Anfangs habe ich Blätter und Blüten "nur" auf Stoff oder Papier festgenäht. Später wurden die einzelnen Pflanzenteile geordnet eingekreist. Dieses Jahr habe ich mich mit meiner Lieblingspflanze 2020, der Distel, beschäftigt. Ihre weichen sogenannten Pappushaare (das sind die zarten Haare des Schirmchen, das dem unten daran hängenden Samen hilft fortzufliegen) wurden zu dreidimensionalen Kugeln oder bildhaften Kreisen verarbeitet. Ganz im Gegensatz zu den flauschigen "Samenflügeln"stehen die kratzigen Stiele und Blätter der Distel. Ich habe diesen Sommer beim Sammeln ihre abweisende Bekanntschaft gemacht!


Auf zwei präparierten Papieren (126 x44cm) habe ich nun Disteln in Naturgröße gezeichnet. Einmal mit Kohle und dann mit blauem Buntstift. Die Zeichnungen wurden im zweiten Schritt überlagert von mit roten Garn gestickten Distelblättern,-stielen und -blüten. Das Papier zeigt seinen widerspenstigen Charakter und die roten, zackig gestickten Formen der Distel weisen ebenso auf deren Wehrhafttigkeit hin. Dabei geht es nicht um naturalistische Wiedergabe, sondern um meine Interpretation dieser Pflanze: wild, kratzbürstig, weich, leicht, mit ganz eigene Formen und Strukturen.


Die meisten Disteln wachsen am Wegesrand, an Autobahnen oder in ungepflegten Hintergärten. Dort sind sie eine wichtige Nahrungsquelle für Insekten. Und meist völlig unbeachtet lassen sie dann im Spätsommer ihre flauschigen Samen fortfliegen um weitere verlassene Orte zu erobern.